Maleens Knäul

Prolog

Eine Millisekunde, ein Wimpernschlag, und schon war um sie herum nichts als Finsternis. Sie konnte nur schemenhaft die Umrisse ihrer Freunde erkennen, die dichtgedrängt mit dem Rücken zu ihr standen. Sie formten einen engen Kreis um sie und begannen sich konzentriert von einem Fuß auf den anderen zu wiegen. Jede Faser ihrer Muskeln war bis zum Zerreissen angespannt. Ihre Energie pulsierte um sie, wie ein schützendes Netz. Nicht mehr lange bis zum nächsten Angriff. Hinter ihnen kämpfte sich ein einzelner Sonnenstrahl durch das Dunkel und warf sein fahles Licht auf die angespannte Szenerie. Dieses Bild brannte sich tief in ihr Gedächtnis ein und sollte sie bis zu ihrem letzten Atemzug begleiten.

Es kam mit voller Wucht auf sie zu. Das Wasser um sie herum brodelte und schäumte, als stünde es kurz vor dem Siedepunkt. Zerschundene Tentakel, Fischschweife und waffenschwingende Arme brachen aus der Dunkelheit hervor und schlugen wild um sich. Schlick und Sand wirbelte auf und bohrte sich wie 1000 heißglühende Nadelstiche in ihre Haut. Sie kniff ihre Augen zu engen Schlitzen zusammen und versuchte mehr zu erkennen. Aber es gelang ihr nicht, das Gemisch aus Tinte, Blut und Wasser zu durchdringen. 

Dann verlor sie die Orientierung und wusste sofort, es ist vorbei. 

Sie hatte den Schlag mit dem Schweif nicht kommen sehen, konnte sich in letzter Sekunde noch ducken und bekam so nicht die volle Wucht ab. Sie umklammerte verzweifelt den Felsen, um nicht in den Sog des Strudels zu geraten, den er hinter sich her zog. Noch während sie sich wieder aufrichtete, wurde sie erneut erfasst. Dieses Mal verlor sie den Halt vollends und wurde fortgerissen, über die Köpfe ihrer Freunde hinweg und mitten in das tiefste Schlachtengetümmel  hinein. Panik stieg in ihr auf. Sie wusste nicht mehr wo der Boden, die Wasseroberfläche, die Sonne, das Land, wo ihre Liebsten waren. Das Wasser zerrte gnadenlos an ihren Armen und Beinen, an ihren Haaren und ließ sie nicht mehr los. 

Sie selbst lies jetzt aber los. Es war wie eine Erleichterung, sie kämpfte nicht mehr gegen den Sog an, es war einfach nicht mehr notwendig. Ihr Körper erschlaffte und wurde von der Strömung  fortgetrieben, fort von ihren Freunden, fort von Schutz, Wärme und Geborgenheit. Die mächtige See hatte gewonnen, das war jetzt klar. Ihr blieb nur noch ein kurzer Moment, um ihre Gedanken ein letztes Mal hinaus zu schicken. Sie hoffte, dass es ihrem Kind, ihrer kleinen Tochter, später besser ergehen würde, als ihr. Zumindest war die Kleine in Sicherheit. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während der Strudel aus wütenden Luftblasen ihren sterbenden Körper fort trug.  

Kapitel 1 – Erik

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