Maleens Knäul

1 – Erik

Erik schritt weit aus und ließ das kleine Dorf rasch hinter sich. Er verbrachte gerne die frühen Abendstunden alleine am Strand, wo er den Blick über das weite Meer schweifen lassen und ungestört seinen Gedanken nachhängen konnte. Das tat er besonders gerne nach einem anstrengenden Arbeitstag auf dem elterlichen Hof und an solch windstillen und milden Abenden, wie diesem.

Sobald er den Strand erreichte, streifte er seine leichten Sommerschuhe ab, nahm sie in die Hand und schlenderte an den Dünen entlang, während er den warmen Sand unter seinen Füßen genoss.

Gedankenverloren rieb er seine von der schweren Feldarbeit schmerzenden Arme. Er hatte zusammen mit seinem Vater Joris und den jüngeren Geschwistern die erste Ernte des Jahres eingefahren. Jahr um Jahr rangen sie mit dem kargen Boden um jede einzelne Knolle, die willens genug war, Salz, Sand und Wind zu trotzen. Joris hatte es sich in den Kopf gesetzt, mit seinem Kartoffelexperiment den Durchbruch zu schaffen und der Familie damit zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Erik bezweifelte, dass es funktionieren würde, aber sein Vater wollte nicht aufgeben, allen Warnungen zum Trotz.

Vor vielen Jahren, als Joris noch jung und abenteuerlustig war, hätte er tatsächlich fast aufgegeben. Das war als die große Wanderdüne drohte, ein zweites Mal die Kirche des Ortes zu verschlingen. Die alten Weiber klagten, als sei das Schicksal des Dorfes damit endgültig besiegelt und das Gerede um Hexerei und die Rache der See für die Untaten der Dorfbewohner wurde immer lauter.

Eriks Vater stemmte sich damals aufrecht gegen den scharfen Wind und warf lauthals seine Flüche wie Speere gegen die Dünen, als könne er sie damit aufhalten. Auf seinen nahegelegenen Weiden konnte man schon den Sand zwischen den mahlenden Kiefern seiner abgemagerten Ochsen knirschen hören. Wenn sein Hof dieses Jahr nichts abwarf, musste er ihn verkaufen, oder schlimmer noch, ihn den Naturgewalten überlassen und mit seiner Familie der Halbinsel Eiderstedt endgültig den Rücken zukehren.

Nach der Arbeit auf dem Feld raffte Joris seine letzten Kräfte zusammen und half, die Kirche außer Reichweite der Düne zu versetzen. Er war besessen von der Idee, dass er mit dieser Tat und seinem starken Willen, das Glück seiner jungen Familie wenden könne.

Dann kam die Verordnung aus Tönning. Die Dünen sollten bepflanzt und damit der Sandflug aufgehalten werden. Eriks Vater war sofort klar, dass damit das Dorf und sein Land gerettet waren. Für ihn war es ein deutliches Zeichen des Himmels, zu bleiben und dem Boden die Früchte abzuringen, die nötig waren, um mit seiner Familie ein Leben ohne Hunger und Not zu führen.

Erik bewunderte seinen Vater für den starken Willen und sein Durchhaltevermögen. Die ganzen harten Jahre hindurch hatte Joris seinen Humor bewahrt. Mit seinem herzhaften Lachen versetzte er sein breites, wettergegerbtes Gesicht in Bewegung, bis die Falten tanzten. Dieses offene, ehrliche Lachen hatte schon bei den Dorfversammlungen manchen Streit in Luft aufgelöst und jedes noch so große Problem klein erscheinen lassen.

Mit einem tiefen Seufzer löste Erik den Blick von der hohen Düne, von der heute keine Gefahr mehr ausging und die wie ein gezähmter Riese Wache über das kleine Dorf hielt.

Langsam schlenderte er weiter und begann ein fröhliches Lied zu pfeifen. Er war heute besonders gut gelaunt, denn er hatte all seinen Mut zusammen genommen, um bei Hans, dem besten Freund seines Vaters, in aller Form um die Hand seiner Tochter Maleen anzuhalten. Hans hatte ohne Umschweife zugestimmt und dem Paar seinen Segen gegeben. Das war keine große Überraschung, denn Erik und Maleen waren schon als Kinder unzertrennlich gewesen und hatten mit ihren Streichen das ganze Dorf auf Trab gehalten. Sie waren zweifellos für einander bestimmt, dessen waren sich alle einig.

Beim Vater der Angebeteten um ihre Hand zu bitten, lag Erik allerdings überhaupt nicht. Er verstand den Sinn hinter diesem Ritual nicht. Erik und Maleen waren schon eine ganze Weile ein Paar und ihre Familien sprachen offen über ihre gemeinsame Zukunft, als sei die Vermählung schon längst beschlossene Sache.

Dennoch bestanden die Väter darauf, dass Erik sich in seinen viel zu kleinen Anzug und die engen schwarzen Schuhe zwängte, das kurze strohige Haar glättete und, für das ganze Dorf sichtbar, die Hauptstraße entlang bis zu Hans Mertens Hof schritt. Er zögerte kurz an der Eingangstür, hob dann aber entschlossen die Hand und klopfte ein-, zwei-, dreimal kräftig an die alte verwitterte Holztür. Das etwas windschiefe Haus schien unter seiner Faust zu erstarren, als wüßte es, dass jetzt etwas wichtiges bevorsteht.

Erik rieb sich den Angstschweiß von der Stirn. Er hatte diese Aufgabe so lange vor sich her geschoben, bis es nicht nur für ihn, sondern auch für das ganze Dorf lächerlich wirkte. Das steigerte seine Nervosität noch mehr. Seit einigen Wochen schon neckten ihn die Dörfler, sobald er einen Fuß vor die Tür setzte. Am deutlichsten waren die Alten. Sie hatten keine Scheu ihm laut nachzurufen: „So ein stattlicher junger Mann wie du sollte nicht so lange allein sein, sonst holt dich noch die See.“ oder: „Sieh zu, dass du deine Braut noch vor dem Winter nach Hause führst. Sonst erfrierst Du noch im Stehen.“ Wenn sie auch noch anfingen, die Umstände der Vermählung seiner Eltern oder die alte Geschichte über den Urgroßvater von Maleen aufzurollen, der bei Nacht und Nebel seine Angebetete aus dem Nachbarort entführt hatte, suchte Erik so schnell es ging und mit glühenden Ohren das Weite. Das Gelächter der Alten verfolgte ihn danach noch sehr lange.

Jetzt, wo er alleine am breiten Nordseestrand stand, wurde er langsam ruhiger. Endlich fand er Zeit, seine Gefühle zu sortieren und klare Gedanken zu fassen. Die glatte See, über die eine leichte Brise strich, hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn. Der Mond schien so hell, dass er fast jede noch so kleine Muschel im Sand erkennen konnte. Er strich sich mit der Hand über den kleinen Ziegenbart, den er sich erst kürzlich hat wachsen lassen und auf den er sehr stolz war.

„Maleen“ sagte er. Er sprach ihren Namen leise aus und schaute ihm nach, wie er vom Wind weit über das Meer hinaus getragen wurde, bis er nur noch als kleiner Hauch hinter dem Horizont verschwand. Erik nahm einen tiefen Atemzug und schmeckte die salzige Luft auf der Zunge.

Er fragte sich, wann genau aus Freundschaft Zuneigung und schließlich die tiefe Liebe zwischen ihm und Maleen geworden war. Diese Frage stellte er sich oft und fand nie eine zufriedenstellende Antwort darauf. Wenn er Maleen danach fragte, lächelte sie nur geheimnisvoll. „Das musst du doch wissen,“ war alles, was sie dazu sagte. Manchmal klärte sich dann ihr Blick und er wusste, dass sie jetzt in die von Meerjungfrauen, Nixen und Elfen bevölkerte Welt abtauchte, in die er ihr nur bedingt folgen konnte. Erik begann traurig und gedankenverloren mit den Füßen im Sand zu wühlen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.

Während er seinen Gedanken nachhing, schlugen die Nordseewellen an das Ufer und liefen auf dem breiten Sandstreifen aus, um sich schließlich kleinlaut wieder ins Meer zurückzuziehen. Schon rollte die nächste Welle heran und wieder die nächste. Sie gaben ihr sinnloses Unterfangen nicht auf, als ob sie nicht fassen konnten, dass sich ihnen etwas in den Weg stellte und sie nicht endlos weiterziehen konnten. Sie sangen dabei immer dasselbe Lied. Mal ein bisschen lauter, das nächste Mal etwas leiser, aber immer mit der gleichen Intensität, die an Sehnsucht erinnerte und fast an Verzweiflung grenzte.

„ Maleen, Maleen, Maleen“, wiederholte Erik ihren Namen kaum hörbar. Mit jedem Aufschlag der Wellen wurde ihr Name zu einem freundlichen Echo, das, je häufiger er ihn aussprach, umso stärker den sinnlosen Kampf der Wellen übertönte. Für Erik klang ihr Name so schön, dass er glatt mit dem Lied der Wasserwesen mithalten konnte.

Er ließ seinen Blick den Strand entlang nach Osten schweifen, bis er die kleine Gruppe am Meeressaum entdeckte. Da waren sie ja, die Nixen. Ganz leise trat er zurück in den Schatten der Dünen. Diese Wesen faszinierten ihn, und er freute sich jedes Mal, wenn sie an den Strand kamen und er sie beobachten konnte.

Er fragte sich oft, wie es in ihrer Welt am Grunde des Meeres aussehen mochte. Dieses stolze Volk kam eher selten an Land und zeigte sich auch nur sehr wenigen Menschen. Mit ganz viel Glück konnte man sie bei einem Tanz im silbernen Schein des Mondes beobachten. So wie jetzt gerade. 
Erik glaubte, dass die Nixen die Zeit, den Ort und die Personen, denen sie sich zeigten, mit Sorgfalt auswählten. Zumindest wurde er das Gefühl nicht los, dass sie nicht zufällig an genau dieser Stelle an Land gekommen waren. Aber mit welcher Motivation sie das taten, blieb ihm ein Rätsel. Er tippte auf das naheliegendste: Eitelkeit – sollte aber später eines Besseren belehrt werden.

Erik wusste, dass dieses Privileg, die Nixen zumindest sehen zu können, ihm nur wegen seiner engen Verbindung zu Maleen zufiel. Leider konnte er weder die Sprache der Wasserwesen, noch die der Elfen und Feen an Land verstehen, meistens konnte er sie nicht einmal hören. Das war bei Maleen anders. Wenn sie ihm von den Gesprächen mit diesen mystischen Wesen erzählte, hing er an ihren Lippen und wünschte, er könnte sich wenigstens einmal direkt mit ihnen austauschen. Nur ein einziges Mal. Das würde ihm reichen, um seine Neugierde um diese Meeresbewohner zu stillen. Er musste sich eingestehen, dass er ein bisschen neidisch auf Maleen war.

Die Nixen standen dicht gedrängt am Strand. Ihre Haut schimmerte in allen Farben und mit der Gischt der heranrollenden Wellen um die Wette. Ihre Formen waren so zart, dass sie fast ein bisschen durchscheinend wirkten. Unwirklich. 
Langsam begannen sie den Rhythmus der Wellen aufzugreifen und sich gedankenverloren im Tanz zu wiegen, begleitet von ihrem leisen Gesang.

Das Farbenspiel und die Bewegungen ihrer Körper im Einklang mit den ein- und auslaufenden Wellen hatten eine beruhigende Wirkung auf Erik. Langsam rieb er seine ermüdeten Augen.

Allmählich schienen sich die Nixen in eine Art Trance zu tanzen. Es wirkte fast, als führten Sie einen Zauber aus. 
Ganz vorne an der Waterkant, etwas abseits der Gruppe und mit den Füßen noch in der Gischt der heranrollenden Wellen, stand ein großgewachsener Nöck, eine männliche Nixe, und wiegte sich ganz leicht hin und her. Er schien auf etwas zu warten. Erik erkannte, dass jetzt das großartige Schauspiel beginnen würde, auf das er gehofft hatte. Schlagartig war er hellwach und voller Energie. Gleich geht es los, dachte er. Endlich! Das Warten hat sich gelohnt.

Der Nöck begann, sich mit einem kurzen Freudenschrei im Kreis zu drehen. Er wirbelte um seine eigene Achse, bis sein langes schwarzes Haar um ihn peitschte und der Sand und die Gischt um seine Füße nur so spritzten. Innerhalb kürzester Zeit nahm er die Gestalt einer großen Meeresschildkröte an. Sie reckte ihren Kopf ganz lang in die Höhe, während eine Welle ihren Schild umspielte und ihn von einem schlammigen Grau in leuchtendes Türkisblau verwandelte. Als die Welle sich langsam wieder zurückzog und mit einem leisen knistern im Sand versickerte, zog die Schildkröte ihren Kopf ein, drehte sich einmal langsam und bedächtig im Kreis, wurde dann aber immer schneller und schneller, bis ihre Konturen kaum noch zu erkennen waren. Als sie wieder langsamer wurde, stand an ihrer Stelle ein Seehund. Dieser bellte ein paar Mal, zog den Kreis weiter und wurde nach einem kurzen, kräftigen Wirbel wieder zum Nöck. Dann begann das Spiel wieder von vorne. Drehung, Welle, Schildkröte, Drehung, Welle, Seehund, Drehung, Welle, Nöck. Immer im Rhythmus des Wellengangs.

Als Krönung dieses atemberaubenden Schauspiels, schwirrten zwei Feen um den Kopf des sich endlos im Kreis drehenden Nöck. Manchmal wurden sie übermütig und machten wilde Luftsprünge oder drehten kleine Pirouetten. Aus der Ferne betrachtet, hätten sie leicht mit Libellen verwechselt werden können.

Nachdem er seinen Tanz mit einem Juchzer beendet hatte, bewegte sich der Nöck zusammen mit den anderen Nixen, es mochten vielleicht 12 oder 16 sein, leichtfüßig und ausgelassen über den Strand und schien dabei kaum den Boden zu berühren. Die Gruppe spiegelte sich im nassen Sand und der Mondenschein legte sich wie eine schützende Decke über sie.

Erik stand im Schatten der Dünen und beobachtete gebannt den Tanz der Nixen. Ihre Körper folgten nun wie von selbst der Choreographie des Wellenschlags. Während die eine oder andere ab und zu ausbrauch, um kurz die Gestalt eines Meerestieres anzunehmen, blieben die anderen im gleichbleibenden Rhythmus und tanzten immer enger zusammen, bis sie kaum voneinander zu unterscheiden waren. Selbst Erik konnte aus der großen Distanz die Energie förmlich sehen, die von jeder einzelnen Nixe ausging und begann, sich im Zentrum der Gruppe zu einem dichten Ball zu formen, der in allen Farben strahlte.

Plötzlich ging ein Ruck durch die Gruppe und sie verharrte mitten in der Bewegung. Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig landeinwärts und sie rührten sich nicht von der Stelle. Nach einer kurzen Weile, die Erik wie eine Ewigkeit vorkam, stoben sie auseinander und sprangen lachend in die Fluten, während die kleinen Feen wie glitzernde Wassertropfen in die Höhe spritzten. Langsam beruhigte sich die Wasseroberfläche und der Glanz der Nixen verschwand in den Tiefen des Meeres. Über das mondbeschienene Wasser und den schier endlosen Strand breitete sich Ruhe aus, als sei nichts gewesen.

Erik blieb noch lange Zeit regungslos stehen, ohne sich zu rühren. Auch wenn er dieses Schauspiel nicht zum ersten Mal sah, konnte er immer noch nicht fassen, was er gerade gesehen hatte.

Dann überkam ihn, wie jedes Mal nachdem er einen Tanz der Nixen beobachten durfte, eine unbeschreibliche Schwere über ihn. Sie kroch langsam, kalt und unaufhaltsam an seinen Beinen hoch und ließ ihn erstarren. Das war sie – diese unbestimmte Sehnsucht nach Meer und Ferne. Es war wie ein Sog, der mit aller Macht an seinem Innersten zerrte. Sie machte ihm Angst und gleichzeitig konnte er ihr nicht wiederstehen.

Er musste einfach hinaus, noch einmal über die Nordsee, an Helgoland vorbei, durch den Atlantik und immer weiter. Wie konnte es sein, dass diese Sehnsucht so stark war und sein Herz umklammerte wie der kalte Tod? So bedrohlich, wie die unbestimmte Ahnung, er sei beim nächsten Törn an der Reihe, sich wie viele andere in die Fluten zu stürzen, der finsteren Sehnsucht folgend.

Nein! Das konnte er sich und Maleen nicht antun. Niemals. Seine Liebe zu ihr war viel stärker als die Sehnsucht nach der Ferne. Da war er sich ganz sicher.

Erik zwang sich, nicht weiter darüber nachzudenken und konzentrierte sich stattdessen auf seine nackten Zehen, die sich im Sand festgekrallt hatten, als wollten sie ihm sagen: „Nun mal nicht den festen Boden unter den Füßen verlieren, junger Mann!“ „Ganz bestimmt nicht!“ sagte er spontan und musste grinsen, als er merkte, dass er seine Antwort laut ausgesprochen hatte. Wenn das die Leute im Dorf gehört hätten, er wäre bestimmt wieder Ziel ihres Gespötts geworden. „Schaut mal, da kommt der, der mit den Füßen spricht“ hätten sie ihm nachgerufen. „Na Erik, was haben dir deine Füße denn heute zu sagen?“ Bei diesem Gedanken musste er laut auflachen. Endlich war er das beklemmende Gefühl los. Er atmete tief durch, drehte sich um, verließ den Schutz der Dünen und ließ sich vom Wind heimwärts treiben.

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