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Ein Morgen wie jeder andere

Der alte Wecker mit der schnörkeligen Aufschrift „Vintage“ stammte noch aus der Zeit vor Greta.

Er war ein Mahnmal der verschwendendungssüchtigen Menschheit in den frühen Zweitausendern. Die Materialien aus denen er gefertigt war – Kunststoff, Blech und Lithium – standen heute ganz oben auf der schwarzen Liste und waren ein absolutes No-Go für alle Öko-Manufakturen. Sogar die Upcycler würden sie nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen.

Dennoch war der Wecker für mich eine Kostbarkeit. Vielleicht einfach nur, weil dieser kleine unbedeutende Gegenstand es tatsächlich geschafft hatte, sich heil über die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit zu retten.

Er begann zu schellen, setzte sich nervtötend in meinem Unterbewusstsein fest, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als aufzuwachen.

„Stop“ nuschelte ich in Richtung Wecker, der sofort verstummte.

Vorsichtig schlug  ich die Augen auf – eines nach dem anderen. Heute war nicht mein Tag. Das merkte ich sofort, als ich versuchte, meine steifen schmerzenden Glieder zu bewegen. Der Medibot stand mit ausgefahrenem Greifarm bereit und forderte mich mit unangenehm scheppernder Stimme auf, meine Medikamente einzunehmen. Ich nahm die rote Tablette und schluckte sie mit dem letzten Rest muffigem Wasser von gestern Abend hinunter und schüttelte mich. 

Der Medibot fuhr mit einem lauten Quietschen den anderen Arm aus und platzierte die tägliche Spritze in meinen linken Oberarm. Wie jeden Tag zuckte ich erschrocken zusammen. Nicht wegen der Impfung, die hatte ich kaum gespürt. Das Quietschen des Medibots ging mir dagegen durch Mark und Bein, jeden Morgen aufs Neue. Ich machte eine mentale Notiz: „Unbedingt einen Ersatz-Medibot besorgen!“ Mir war klar, dass diese Notiz sinnlos war, denn ich würde sie sowieso bald wieder vergessen.

Vorsichtig setzte ich mich auf und schwang die Beine über die Bettkante. Es dauerte eine Weile, bis sich die Wirkung der Medikamente voll entfalten würde. Dennoch war mein Bewegungsdrang stärker als meine Vorsicht, als ich die nackten Füße auf den kalten Metallboden stellte. Der Schmerz, der durch meine Fußsohlen jagte, war kaum zu ertragen. Den Schrei konnte ich gerade noch unterdrücken. Ich sammelte mich, versuchte aufzustehen und brach fast zusammen. Mit quietschenden Reifen war der Medibot zur Stelle, um mich zu stützen. „Ach, lass mich doch in Ruhe!“ nuschelte ich und versuchte ihn beiseite zu schieben. „Scheiß Zivilisationskrankheit!“

Offensichtlich hate ich bei dem Versuch ihn wegzustoßen, aus versehen den Bildschirm aktiviert, mit meinem täglich verordneten Bewegungsprogramm. Eine freundliche Frauenstimme begrüßte mich und den frischen Morgen. Vogelgezwitscher untermalte ihren fröhlichen Gruß, während das Logo der Partei – drei grüne ineinander verschlungene Großbuchstaben F – langsam auf dem Bildschirm zu pulsieren begann.

„Hey! Du fängst doch nicht etwa ohne mich an!“ schallte es aus der Nachbarbox. Ich stöhnte leise auf. Der fehlte mir noch zu meinem Glück. „Ich kann dich hören!“ schallte es fröhlich herüber. „Warte doch bitte noch einen Augenblick. Mein Akku ist noch nicht voll geladen. Vielleicht sollten wir doch bescheid sagen, dass jemand oben die Sonnenkollektoren poliert.“ plapperte er drauf los. Ich konnte sein Augenzwinkern förmlich sehen. Warum muss er ausgerechnet heute so verdammt gut gelaunt sein?

„Dann lass dir eben keinen altmodischen Kram einbauen!“ erwiderte ich und rollte mit den Augen. Ich weiß, das war gemein von mir. Der eingefleischte Beatboxer wußte nur zu gut, wo sein Platz war. Sein Leben lang hat er am Rand der Gesellschaft gelebt. Woher sollte Tom denn das Geld für einen verlässlichen voll automatisierten Hirnschrittmacher nehmen? 

Aber ich verspürte den Drang, ihm wegen seiner unverschämt guten Laune eins auszuwischen. Vielleicht half das, wenigstens meine eigene Stimmung zu heben. Ich trat einen Schritt zurück, um sein Gesicht besser sehen zu können. Er schaute mich überrascht an und streckte seinen Arm nach mir aus – nicht gerade die Reaktion, mit der ich gerechnet hatte. Ich konnte nicht mehr hören was er sagte, denn mein nächster Schritt führte ins Leere und ich fiel mit einem lauten „Platsch‘! ins Wasser. 

Ist das normal?

Er stützte seine Hände auf die Tischplatte und starrte auf die Karte, die ausgebreitet vor ihm lag. Das große Jubiläum stand bevor und es hatte sich hoher Besuch angekündigt. Das Dalai Duo höchst persönlich wollte etwas Zeit mit ihm verbringen. Ausgerechnet jetzt, im diesem Jahr.

Sein Blick wanderte wieder über die Karte und blieb am südlichen Ufer der Insel hängen. „Beatboxen“ flüsterte er. „Warum mussten sich ausgerechnet hier Beatboxen ansiedeln?“ Langsam rieb er sich die Stirn.

Er war verantwortlich für die schönste aller Inseln im Nordmeer. Sie war kaum übervölkert, hatte ausreichend Grünflächen, sogar noch ein einigermaßen intaktes kleines Waldstück. Und jetzt das!

Im Grunde genommen hatte er nichts gegen dieses quirlige Nomadenvolk auszusetzen. Genauer betrachtet, lebten sie sogar am ehesten nach den 12 ökosozialen Statuten der Partei, als sonst jemand auf diesem verrottenden Planeten. Sie verschwendeten keine Resourcen, sie lebten von dem, was sie fanden und sie waren die besten Upcycler, die er kannte. Bis auf den einen Fehler. Fast jedes Material, das sie wiederverwerteten, stand auf der schwarzen Liste. Und die Menschen, die so lebten, wurden dafür mit Füßen getreten.

Nachdenklich ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, bis er an einem großen Plakat hängen blieb. Es war an den Rändern vergilbt und etwas ausgefranst aber das Foto darauf war noch sehr gut zu erkennen. Es war die Silhuette eines schlanken Mädchens zu sehen. Sie stand mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Bühne und schaute auf eine unendlich große Menschenmenge herab. Die Aufnahme muss im Winter gemacht worden sein, als es in diesn Breiten au der Erde noch die klassischen Jahreszeiten gab, denn sie trug eine Mütze und ein dicker weißer Wollschal war um ihren Hals geschlungen. Sein Blick wanderte über ihre geflochtenen Zöpfe und blieb am Mikrofon hängen, das vor ihr stand.

Er stellte sich ihr kindliches Gesicht vor, wie sie ihren Mund zu einem schmalen Strich zusammenpresste und voller Wut, aber mit klarer Stimme zu der riesigen Menschenmenge sprach, die ihr gebannt zuhörte. Über die ganze Fläche des Plakates war eines ihrer bekanntesten Zitate geschrieben:

„Erwachsene sagen immer: ‚Wir schulden den jungen Leuten Hoffnung.‘ Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“  

Damals wurde Greta belächelt und ihre Forderungen als kindliche Panikmache abgetan. Nicht lange danach, sollte ein erster Vorbote ihnen vor Auge führen, wie labil das Ökosystm des Planeten ist.

Er tat einen tiefen Seufzer und trat ans Fenster. Die Zeit war knapp, in der Vergangenheit würde er keine Lösung für sein aktuelles Problem finden. Er ging auf die Balustrade und schaute hinunter auf den großen freien Platz vor dem Gebäude, auf dem Mittwochs der große Wochenmarkt abgehalten wurde. Sein Blick wanderte über die kleinen Parzellen am Rande des Platzes, auf denen die Bürger:innen der Insel Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauten.

Beim dritten Seufzer wanderte sein Blick zurück zum eleganten roten Backsteingebäude auf dem er stand. Es dacht an die Buchstaben, die sich noch hartnäckig an der Außenwand des Gebäudes hielten. „Planet“ stand dort jetzt in großen goldenen Lettern. Vor langer Zeit, als es noch Spraydosen gab, hatte jemand das Wort „Island“ daneben geschrieben. Heute wusste kaum noch jemand, dass dieses Gebäude ursprünglich ein Plantarium gewesen war und an einem der höchsten Punkte der damaligen Metropole und Hafenstadt Hamburg stand.

„Willkommen auf Planet Island“ sagte er leise, während sich in seinen Gedanken langsam eine Idee formte.

Hanse re_loaded

Es war um mich herum still. Meine Arme und Beine bewegten sich fast schwerelos, wie in Zeitlupe. Die Haare schwangen um meinen Kopf herum und passten sich den Bewegungen an. Ich genoss die Stille und das sanfte Licht. Ein paar Luftblasen stiegen auf und zogen ihre Bahnen bis an die Wasseroberfläche. Auch wenn ich als Tochter eines Seenomadenpaares auf dem Wasser aufgewachsen war, begab ich mich nur sehr selten darunter. 

Unter Wasser lebten die Geister der alten Zeiten – der Verschwenderischen Jahre und der Turbulenten Jahre. Das war mir unheimlich. Ich merkte, wie mich meine schweren Kleider tiefer in das brackige Wasser hinunterzogen, als mir lieb war. Ich konnte schon schemenhaft die Umrisse der alten Gemäuer erkennen, an denen wir am Abend vorher die Beatboxen vertäut hatten. 

Die Luft wurde knapp und dennoch versuchte ich den Zeitpunkt hinauszuzögern, an dem ich an die Oberfläche kommen musste. Ich wusste, was mich erwartete, und das mochte ich gar nicht. Langsam begann ich die Arme und Beine zu bewegen. Ich verdrängte den Drang, den Mund zu öffnen, um einen gierigen Atemzug zu nehmen und drückte meinen Rachen noch fester zusammen. Als auch das kaum noch half, streckte ich die Arme über den Kopf und schwamm mit ein, zwei kräftigen Schwimmzügen an die Oberfläche. Als mein Kopf die Wasseroberfläche durchbrach, begrüßte mich ein lautes Gelächter aus tausend Kehlen. 

Willkommen in der kalten Realität, dachte ich, während ich mich an den Rand des Wohnfloßes klammerte und rasselnd nach Atem rang. Das Floß war aus Strandgut gebaut. Einem Sammelsurium aus alten Reifen, Eisenstangen, Kühlschranktüren und allem, was aus den überschwemmten Häfen an die Küste gespült wurde.

Auf dem Floß waren zahlreiche Boxen neben- und übereinander gestapelt, scheinbar wild  durcheinander gewürfelt. Auf den zweiten Blick war aber die Sorgfalt und das Geschick zu erkennen, mit denen sie fest miteinander vertäut waren und somit als sichere Wohnstadt der Seenomaden  dienen konnten. Die Boxen waren halbierte oder ganze Transport-Container, wie sie in der Zeit vor Greta viel genutzt wurden, um Waren mit den Dreckschleudern von Handelsrschiffen in alle Welt zu transportieren. Heute lagen sie zuhauf am Meeresgrund und verschmutzten die Umwelt. 

Bis weit in die Zweitausender Jahre hinein zählte die Stadt Hamburg mit  ihrem großen Hafen zu den wohlhabendsten und schönsten Metropolen der Region. Sie war Anziehungspunkt für Industrie, Wissenschaft und Kultur. Man nannte sie „Das Tor zur Welt“.

Damals stand hier der berühmte Klimarechner, einer der wenigen Hochleistungsrechner der Welt. Er hatte die Fähigkeit, komplexe Datensätze verlässlich zu verarbeiten. Er war mit einer begehbaren Festplatte ausgestattet, die sich in einem unscheinbaren Hochhaus im Universitätsviertel der Stadt über zwei Etagen erstreckte. Dennoch brauchte er ganze zwei Jahre, um die Daten, die ihm aus allen Winkeln der Erde zugetragen wurden, zu berechnen, zu analysieren und für den Weltklimabericht zusammenzustellen. Erst viel später wurde die großartige Leistung des damaligen klimawissenschaftlichen Teams erkannt, als sich ihre akuraten Berechnungen leider bewahrheiteten. Dann war es allerdings schon längst zu spät und der Punkt ohne Wiederkehr erreicht. Heute lag der Rechner am Meeresgrund in der verbotenen Zone, nicht weit von den verseuchten Containern entfernt. 

Aus jeder Box schauten lachend ein oder zwei seiner Bewohner auf mich herunter. „Na toll!“ murmelte ich und bemühte mich möglichst gelassen zu wirken, als eine kräftige Hand sich mir entgegenstreckte. „Danke, Tom.“ sagte ich, nachdem er mich aus dem Wasser gezogen hatte. Dann stutzte ich. „Sag mal, ist dein Akku so schnell schon aufgeladen?“ Tom’s Lächeln erstarrte: „Ach du Scheiße!!“ rief er aus und rannte mit wehendem Rock zurück in seine Box. 

Diesel Mal konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, als ich zusah, wie das letzte Kabelende seines Schrittmachers mit einem leisen Sirren um die Ecke verschwand.  

Ich spürte, wie eine Hand sanft meine Schulter berührte und ließ mich dankbar von ihr Richtung Boden drücken, bis ich in einem bequemen Schneidersitz auf dem glatten Boden saß. Nach und nach gesellte sich das Seevolk dazu und plapperte und scherzte zusammen mit mir, als sei nichts gewesen. Das war ihre Art, sich ohne viel Aufheben zu entschuldigen und diese nahm ich sehr gerne an.  
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