Der Wolf

Der Wolf

Er scannte unauffällig den Raum, während er sich mit dem Rücken an die Theke lehnte und das Whiskyglas scheinbar gedankenverloren in der Hand drehte. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit zirkulierte lässig durch das Glas. Er hatte bewusst eine Stelle an der Theke ausgewählt, von der aus er den ganzen Raum überschauen konnte. Es war voll heute Abend. Stimmengewirr, Musik, ab und zu ein Lachen und der Geruch von abgestandenem Bier bildeten die Melange einer klassischen Kneipenatmosphäre.

Als er sah, wie sie durch die Tür hereinkam, zog er langsam, kaum merklich die Mundwinkel hoch und begann seine Muskeln anzuspannen. Sein Blick folgte durch halb geschlossene Lider jede ihrer Bewegungen. Seine Aufmerksamkeit, alle Sinne und alle Fasern seines Körpers waren ab jetzt auf sie gerichtet.

Sie schüttelte den Regen aus ihrem Haar und fummelte unsicher an der beschlagenen Brille herum. Geschlossene Räume voller Menschen machten sie nervös. Sie nahm die Brille ab, trat einen Schritt zur Seite und rempelte prompt den nächststehenden Gast an. Sie murmelte ein unbeholfenes „Tschuldigung“ und schaute sich um.

Seine Anwesenheit spürte sie lange bevor sie ihn sah. Ein angenehmer Schauer schüttelte sie. Sie merkte, wie sein Blick langsam über ihren Körper glitt und ihn behutsam in Besitz nahm. Sie mochte es, wenn er das tat. Bei manchen Begegnungen nahm er sich zurück, verschwand in der Menge, labte sich an ihrer Unbeholfenheit, bis er dann unvermittelt und mit einem breiten Lächeln im Gesicht neben ihr aus dem Nichts auftauchte.

Heute wollte er von ihr gesehen werden. Als sie aufschaute, sah sie direkt in seine Augen. Seine entspannte Haltung strahlte Ruhe und Gelassenheit aus, sodass jede Unsicherheit sofort von ihr abfiel. Sie fühlte sich geborgen. Um sie herum verschwand alles, als hätte sich ein Filter über den Raum gelegt. Es gab jetzt nur noch sie und ihn.

Aufrecht schritt sie auf ihn zu, ihr Tritt sicher und federnd, ihr Hüftschwung sang die Melodie ihrer aufsteigenden Erregung. Als sie vor ihm stand, senkte sie den Blick, nahm seine Hand, legte ihr Gesicht hinein und sog seinen Duft und seine Wärme mit einem tiefen Atemzug ein. Sie war angekommen.

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